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Kreisarchiv - Wokrjesny archiw

30.11.2017

Im Kreisarchiv entdeckt

Umsiedler- und Kinderager Bischofswerda. Quelle: Stadtarchiv Bischofswerda.

Umsiedler- und Kinderager Bischofswerda. Quelle: Stadtarchiv Bischofswerda.

 

Das Kinderlager Bischofswerda – Zufluchtsort der jüngsten Heimatlosen (Teil 1)

 

Flucht und Vertreibung aus der Heimat – Begriffe, die aufgrund der aktuellen Kriegsereignisse im Nahen Osten wieder verstärkt in den Fokus gerückt sind. Unvorstellbar sind die physischen und psychischen Strapazen der Flucht sowie deren Auswirkungen. Wie furchtbar muss es erst sein, als Kind Flucht- und Vertreibungserfahrungen ohne Eltern mitzuerleben?

Diese Erfahrung machten Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945), vor allem aber in den ersten Jahren der Nachkriegszeit, zehntausende Kinder. Das Gebiet des heutigen Landkreises Bautzen avancierte damals zu einem riesigen Zufluchts- bzw. Durchgangsort hunderttausender Vertriebener und Flüchtlinge. Infolge dessen begannen in Sachsen im Sommer 1945 insbesondere die Landesverwaltung Sachsen sowie die Zentralverwaltung der deutschen Umsiedler (ZVU) ein System von Auffang-, Durchgangs- und Quarantänelagern aufzubauen. Flüchtlinge und Vertriebene sollten darin gesammelt und in Ansiedlungsgebiete weitergeleitet sowie gleichzeitig die Ausbreitung von Seuchen reduziert werden. Unter Rückgriff auf Baulichkeiten der NS-Zeit entstanden so mehr als 100 Lager in Sachsen. Eines dieser Lager befand sich auf der Putzkauer Straße 5 in Bischofswerda. Als ehemaliges Reicharbeitsdienst- und Kriegsgefangenenlager wurde es 1946 zu einem Lager für elternlose Kinder umfunktioniert.

Die Nachzeichnung der ersten biographischen Fußstapfen dieser elternlosen Kinder und Jungerwachsenen, die aufgrund von Flucht und Vertreibung Aufnahme im Kinderlager Bischofswerda fanden, soll demnach diesjähriges Thema unserer Reihe „Im Kreisarchiv entdeckt“ sein. Ausgangspunkt und Primärquelle hierfür bildet die Erfassungskartei des Kinderlagers Bischofswerda aus den Beständen des Kreisarchivs Bautzen. Vorrangige Aufgabe wird dabei sein zu untersuchen, in welchen Gebieten die Kinder heimisch waren, wo ihr letzter Aufenthaltsort war und wohin sie aus dem Kinderlager Bischofswerda sowohl sozial als auch lokal verortet wurden. Zudem interessieren uns die prägenden Eigenschaften der Kinder, wie beispielsweise das Alter, die Konfession oder die Schul-/Berufsausbildung.

Die Erfassungskartei umfasst insgesamt 3784 Kinder, die von Oktober 1946 bis September 1949 aus den unterschiedlichsten Regionen, hauptsächlich aber aus den Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reiches, stammen. Dass sich unter diesen Kindern wohl auch sog. „Wolfskinder“ finden lassen, erforschte bereits Christopher Spatz anhand seiner Dissertation „Ostpreußische Wolfskinder“. Daher soll nunmehr der Fokus auf diejenigen Kinder gerichtet werden, die das Kinderlager Bischofswerda am 27. Oktober 1948 aus dem Quarantänelager Leobschütz, vermutlich mithilfe eines Bahnsammeltransports, erreichten. Exakt 589 Kinder im Alter zwischen 1,2 und 19,9 Jahren fanden somit den Eintrag in diese Kinderkartei. Dass die Aufnahme der Kinder eine logistische, soziale und finanzielle Herausforderungen darstellte, wird anhand der Anzahl der Kinder im Kinderlager Bischofswerda ein dreiviertel Jahr zuvor deutlich: 443 Kinder. Hierbei wurden von allen ankommenden Kindern (insofern aussagefähig) Vor- und Zuname, Konfession, Geschlecht, Geburtstag, Geburtsort, letzte Heimatadresse, letzter Aufenthaltsort, Aufnahmeort, Aufnahmetag, Angaben zu den Eltern und Geschwistern, Entlassungstag, Entlassungsort, Entlassungsperson sowie der Grad der Schul- oder Berufsausbildung erfasst. Letztendlich erfolgte für eine schnellere Wiedererkennung sogar eine Fotoaufnahme des Kindes, die am rechten oberen Rand der Karteikarte befestigt wurde.

Entsprechend der Angaben auf den Karteikarten interessiert nun, wer denn eigentlich diese 589 Kinder waren? Woher kamen sie und wohin gingen sie? Hat nicht zumindest doch ein Teil der Kinder die Eltern wiedergefunden? Diese Fragen und noch weitere zu den Lebenswegen der Kinder werden in der nächsten Ausgabe von „Im Kreisarchiv entdeckt“ beantwortet. Seien Sie gespannt...

  • Umsiedler- und Kinderager Bischofswerda. Quelle: Stadtarchiv Bischofswerda.
  • msiedler- und Kinderager Bischofswerda. Quelle: Stadtarchiv Bischofswerda.
  • Umsiedler- und Kinderager Bischofswerda. Quelle: Stadtarchiv Bischofswerda.